Text 1
SCHRIFTSTELLEREI
„Was führt Sie hierher, Herr Schriftsteller?“, fragte Scarlett, nachdem sie den Rauch ausgestoßen hatte.
„Ich musste einfach mal raus“, wich ich aus. „Und Sie?“
„Ich musste auch einfach mal raus. Ich habe mein Leben in London zurückgelassen. Ich brauche einen Tapetenwechsel. Warum mussten Sie raus, wenn ich fragen darf?“ „Wegen meines Verlegers, Bernard de Fallois. Er ist vor sechs Monaten gestorben. Er hat mir sehr viel bedeutet.“
„Mein Beileid.“
„Machen Sie sich keine Gedanken. Bernard ist im Alter von zweiundneunzig Jahren nach einem erfüllten Leben gestorben. Ich muss mich wohl damit abfinden.“
„Trauer kennt keine Regeln.“
Das stimmte allerdings. „Bernard war ein großartiger Verleger“, sagte ich. „Aber er war noch viel mehr als das. Er war ein großartiger, in jeder Hinsicht überragender Mensch, der während seiner Laufbahn in der Verlagsbranche mehrere Leben hatte. Er war Literat und Gelehrter und außerdem ein fähiger Geschäftsmann von besonderem Charisma und außergewöhnlicher Überzeugungskraft: Wäre er Anwalt gewesen, hätten seine Anwaltskollegen keine Klienten mehr gehabt. Eine Zeit lang war Bernard der gefürchtete und geachtete Chef der bedeutendsten französischen Verlagsgruppen, gleichzeitig stand er den Philosophen und Intellektuellen der Stunde sowie politischen Machthabern nahe. Später schuf er einen kleinen Verlag ganz nach seinem Bild: bescheiden, diskret, anspruchsvoll. Das war der Bernard, den ich persönlich kennengelernt habe, als er mich unter seine Fittiche nahm. Genial, neugierig, fröhlich, strahlend. Er war der Lehrmeister, von dem ich immer geträumt hatte. Ein brillanter, geistreicher, lebhafter und tiefsinniger Gesprächspartner. Er war eine Inspiration fürs Leben, ein leuchtender Stern in der Nacht.“ „Bernard scheint wirklich ein außerordentlicher Mensch gewesen zu sein“, sagte Scarlett.
„Das war er“, versicherte ich ihr.
„Schriftsteller ist aber auch ein faszinierender Beruf ... Jeder träumt doch davon, einen Roman zu schreiben.“
„Da bin ich mir nicht so sicher.“
„Ich auf jeden Fall.“
„Dann legen Sie los!“, ermunterte ich sie. „Sie brauchen nur einen Stift und Papier.“ „Ich wüsste nicht, wie ich es anfangen soll.“
Meine Zigarette war aufgeraucht und draußen wurde es schon ziemlich kalt. Ich wollte gerade wieder in mein Zimmer gehen, da hielt sie mich zurück. „Wie finden Sie die Ideen zu Ihren Romanen?“, fragte sie. „Die Leute denken oft, das Schreiben eines Romans würde mit einer Idee beginnen, oder mit der Suche nach literarischen Haupthelden im Bekanntenkreis. Dabei beginnt ein Roman vor allem mit einem Drang: dem Drang zu schreiben. Einem Drang, der Sie packt und nicht mehr loslässt, der Sie von allem anderen abhält. Sie können das beste Szenario für einen Roman haben, wenn Sie keine Lust haben, ihn zu schreiben, werden Sie nichts damit anfangen.“
„Ganz genau“, gestand Scarlett. „Ich hatte einmal die Idee zu folgender Geschichte: Eine junge Frau heiratet und bringt in der Hochzeitsnacht ihren Mann im Hotelzimmer um. Aber es ist mir nie gelungen, die Idee weiterzuentwickeln.“
„Sie dürfen nicht einfach nur Tatsachen zusammenfügen. Ein Szenario, das Neugier weckt, muss aus Fragen bestehen. Beginnen Sie damit, den Handlungsfaden aus Fragen zu spinnen: Warum tötet eine junge Braut ihren Mann in der Hochzeitsnacht? Wer ist diese Braut? Wer ist ihr Mann? Warum haben sie geheiratet? Wo haben sie geheiratet?“
„Ganz genau“, gestand Scarlett. „Ich hatte einmal die Idee zu folgender Geschichte: Eine junge Frau heiratet und bringt in der Hochzeitsnacht ihren Mann im Hotelzimmer um. Aber es ist mir nie gelungen, die Idee weiterzuentwickeln.“ „Sie dürfen nicht einfach nur Tatsachen zusammenfügen. Ein Szenario, das Neugier weckt, muss aus Fragen bestehen. Beginnen Sie damit, den Handlungsfaden aus Fragen zu spinnen: Warum tötet eine junge Braut ihren Mann in der Hochzeitsnacht? Wer ist diese Braut? Wer ist ihr Mann? Warum haben sie geheiratet? Wo haben sie geheiratet?“